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Die Zweiklassengesellschaft

Ja, sie existiert tatsächlich und sie ist das Resultat gut gemeinter, aber völlig vermurkster “sozialer” Politik.

Man nehme z.B. den Arbeitsmarkt: Die Kombination aus starkem Kündigungsschutz und schwachen Wachstumsaussichten lässt die Unternehmen (grosse wie kleine) immer weniger Leute als Vollzeitbeschäftigte einstellen, da man so spätere Kündigungskosten und bei Mini-Jobs auch die Sozialversicherungsbeiträge sparen kann. Deshalb ist mittlerweile jeder Dritte Job ein Teilzeitjob und 12% aller Jobs sind sogar nur Mini-Jobs mit höchstens 400 €/Monat. Die Tendenz ist steigend und die Zunahme dieser halben Jobs beschleunigt sich sogar von Jahr zu Jahr. Mit anderen Worten, Deutschland wird zu einem Land, in dem eine Hälfte der Bevölkerung einen “vollwertigen” und (vermeintlich) sicheren Job mit Kündigungsschutz hat, während die andere Hälfte sich mit Teilzeitjobs und Hartz IV durch’s Leben schlagen muss.

Früher wurden Teilzeitjobs zu 85% von Frauen ausgeübt, jetzt sind es noch 75%. Man erkennt den Trend, dass Teilzeitjobs nicht nur ein Zusatzeinkommen für Haushalte sind, sondern für immer mehr Leute das einzige Einkommen darstellen. Bis jetzt sind vor allem die Frauen davon betroffen, aber der Trend wird bald auch die Männer voll treffen. Warum? Das ist einfach zu verstehen. Schauen wir uns mal an, wie der Faktor Arbeit in der (deutschen) Wirtschaft gehandelt wird:

Die deutschen Arbeitskräfte verlieren seit mindestens 10 Jahren an Produktivität. Das erkennt man an den sinkenden Reallöhnen (trotz geringerem Arbeitsangebot durch schrumpfende Bevölkerungszahlen). Wenn die Produktivität sinkt, sinkt logischerweise auch die Nachfrage der Firmen nach Arbeitskräften. Welche Arbeitskräfte wird man als erste loswerden wollen? Logischerweise diejenigen mit der geringsten Produktivität oder den höchsten potentiellen Kosten, die irgendwann durch Kündigung, mangelnde Gesundheit oder Abwesenheit von der Arbeit entstehen könnten. Deswegen schickt man die Männer und Frauen über 50 in die Frührente und stellt Frauen unter 40 garnicht erst ein, weil sie schwanger werden könnten. Die Leute über 50 verschwinden aus der Arbeitsmarktstatistik, weil sie entweder frührentnern oder irgendwann die Jobsuche aufgeben (die will ja keiner!). Die jüngeren Frauen hingegen wechseln zu Jobs, die schlechter bezahlt sind (der Arbeitgeber muss ja die potentiellen Kosten wegen der Schwangerschafts-“Gefahr” ausgleichen) und aus denen sie leichter gekündigt werden können.

Wenn aber die Produktivität noch weiter sinkt und die indirekten Kosten der Arbeit durch Kündigungsschutz hochbleiben, werden auch die Männer von diesem Trend betroffen sein. Die sind sozusagen die nächsten in der Kette. Zunächst werden es vor allem junge Männer sein, weil deren Produktivität geringer ist, als bei jemandem mit Berufserfahrung. Es ist das alte Lied: Die Firmen haben Angst, sich Leute einzustellen, die sie nachher nur unter hohen Kosten wieder loswerden können, also stellen sie sie erst garnicht ein. Daher wird die Jugendarbeitslosigkeit steigen, insbesondere, wenn noch Mindestlöhne eingeführt werden sollten.

Ich frage mich, ob irgendwann all die am Arbeitsmarkt benachteiligten Menschen, die sich mit einem Teilzeitjob oder Arbeitslosigkeit zufrieden geben müssen, weil diejenigen, die einen Vollzeitjob haben, nicht bereit sind, auf ihre Privilegien zu verzichten, irgendwann auf die Barrikaden gehen und das deutsche Monument Kündigungsschutz einreissen werden. Ich würde es mir wünschen. Leider scheinen viele dieser Leute bis jetzt nicht zu erkennen, warum sie sich in dieser misslichen Lage befinden.

Eine andere Zweiklassengesellschaft spielt sich im Gesundheitswesen ab. Erst wenn man 50.000 €/Jahr verdient, darf man sich privat versichern. Die “Unterschicht” muss der gesetzlichen Krankenversicherung treu bleiben. Natürlich lässt die Bundesregierung diese “Versicherungspflichtgrenze” stärker als die Löhne wachsen (die Grenze ist von 40.000 € 2001 um 25% auf 50.000 € 2010 gestiegen). Man versucht natürlich, die private Krankenversicherung auszulöschen, damit alle nix haben, so wie im Kommunismus. Würde der Staat echten Wettbewerb zwischen den gesetzlichen und privaten Versicherungen zulassen, würde es keinen Wettbewerb geben, weil die privaten die gesetzlichen innerhalb 1/2 Jahren blitzkriegmässig überrennen würden. Wer das nicht glaubt, sollte bedenken, dass für einen Durchschnittsverdiener die gesetzliche Versicherung mittlerweile genauso viel kostet wie eine private (falls er sie kriegen könnte, was er nicht kann). Und das, obwohl die gesetzliche gegenüber den privaten den unfairen Vorteil hat, den Ärzten nur ein Fünftel pro Behandlung zu zahlen.

Die dritte Zweiklassengesellschaft haben wir bei der Rente. Da die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung (zum Glück) gedeckelt sind, verlieren sie mit steigendem Einkommen an Bedeutung, so dass mehr Resourcen frei stehen, um privat zu sparen. Wer hingegen den Durchschnittslohn verdient und bereits 10% seines Bruttolohns in das Rentenloch schmeißen muss, kann es sich kaum noch leisten zusätzlich privat zu sparen. Auch hier schneiden sich die unteren Einkommensschichten selber ins Fleisch, wenn sie denken, dass die gesetzlichen Versicherungen solidarisch und sozial sind.

Das grundsätzliche Problem ist, dass Politik nicht vernünftig sein kann. Sie muss emotional sein, den Wähler “ansprechen”. Das geht halt am besten mit Märchen vom idyllischen Sozialstaat.

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6 comments on “Die Zweiklassengesellschaft

  1. Dir ist schon klar, das private KVs nur junge gesunde Leute versichern?
    Allen anderen werden soviele “preexisting conditions” reingeschrieben, das die PKV sich IMMER vor dem zahlen drücken kann!
    BTDT

    • Das lässt sich gesetzlich einfach ändern, siehe Holland und die Schweiz (bei der Grundversicherung). Komisch nur, dass sich Leute nie fragen warum eigentlich Männer bei KFZ-Versicherungen höhere Prämien als Frauen zahlen, obwohl auf gefahrene Kilometer gerechnet die Unfallquote nicht höher zu sein scheint (zumindest in den USA). Man könnte auch andere Bereiche aus dem Versicherungsgeschäft aufzeigen.

      Faktum ist, dass private Versicherungen mit gesetzlichen Auflagen immer noch deutlich effizienter funktionieren und eine bessere Versorgung mit Versicherungsleistungen garantieren können als staatliche Systeme, in denen jeglicher Anreiz für einen vernünftigen Umgang mit Geld ausser Kraft gesetzt wird. Fragst Du Dich nicht, warum die GKV in Deutschland trotz tausender “Gesundheitsreformen” mehr Geld als je zuvor verbraucht und dennoch an der Pleite entlangschrammt? Denk mal scharf nach.

  2. PS
    Ich habe in der Versicherungsbranche gearbeite!
    Darauf bezog sich das BTDT.

  3. Mit deinen Forderungen sprichst du dich indirekt für Euthanasie aus! Medizin nur für die richtigen Leute der Rest Verrecke!

    Warum zahlen Frauen mehr in der KV? Sie betreiben definitiv weniger Sonntagfussball (mit seinem Hohen Verletzungsrisiko und Krankmeldungen am Montag).

    Zu dem anderen:

    1. private versichern Gesunde
    2. Gesetzliche sind gezwungen alle die aufzunehmen die von den privaten nicht akzeptiert werden (ja und auch wenn sie über der Freibetragsgrenze sind)
    Die AOK war lange Zeit die Versicherung wo alle Arbeitslosen reinkamen da Arbeitslose oft aus ihren BKK rausgekickt wurden wenn sie arbeitslos wurden.
    3. Pharmaindustrie (unverschämte Preise derselbigen in Deutschland)
    Da die Privaten viel weniger chronisch Kranke im Mitgliederpool haben als die Gesetzlichen.

    Aber du willst sicherlich Zustände wie in den USA wo eine allgemeine KV als Sozialismus gild und Kinder sterben weil die PKV meint das es ein “preexisting Condition” hatten (stellte sich später als falsch raus, aber da war das Kind schon tot, also who cares?)

    Wenn nach mir ginge ALLE PKV verbieten
    eine KV im ganzen Land, fertig!
    Entweder wirkliche soziale Absicherung über den gesamten Bevölkerungsquerschnitt oder garnicht.
    Aber das die PKVs gut da stehen wundert ja nicht, dürfen sie sich doch die Rosinen rauspicken.

    Wobei ich in einem Punkt bedingt recht gebe, vorher sollte der Bürokratie Wasserkopf (mit den ganzen BWLer im besonderen) beseitigt werden bei den KVs.

    • Also ich lese hier nur ständig Forderungen nach Euthanasie für BWLer, soviel dazu.

      Da Du offenbar meinen letzten Kommentar nicht gelesen hast, nochmal ganz langsam: Man kann die PKVs gesetzlich verpflichten, jeden Menschen aufnehmen zu müssen (auch BWLer). Solche Vorschriften existieren bereits in einigen Ländern, in den USA allerdings tatsächlich nicht. Daher bin ich ausdrücklich nicht für die von dir genannten amerikanischen Zustände, die übrigens in vielen europäischen Ländern (wenn mich nicht alles täuscht sogar in Deutschland) auch herrschen.

      Ebenso versagt das amerikanische System in der Kostenkontrolle, da die meisten Versicherten kaum Selbstbehalt zahlen und bis zu 80% ihres Kassenbeitrags vom Arbeitgeber bezahlt bekommen. So will es der amerikanische Gesetzgeber schon seit über 50 Jahren.

      Dass die Kostenkontrolle durch den Patienten und nicht durch den Staat durchgeführt werden sollte, ist schon allein deswegen logisch, weil der Staat überhaupt keine Ahnung hat, welche Leistungen notwendig sind und welche nicht. Obendrein kommen noch politische Interessen hinzu, die eine möglichst billige Überversorgung mit sogenannten Grundversorgen (sprich: Hausärzten) wollen, damit der “einfache Bürger” happy ist, weil er für 0 Euro jede Woche mit seinem Hausarzt übers Wetter schwatzen kann. Hingegen wird dann das Geld gespart bei der teuren Fachmedizin, welche eh nur von wenigen Wählern in Anspruch genommen wird.

      Da bei den gesetzlichen Krankenversicherern der Markt zwischen Patient und Arzt ausserkraft gesetzt wird, handelt es sich tatsächlich um Sozialismus wie aus dem Lehrbuch. Was viele nicht begreifen ist, dass alle Gesundheitssysteme der Welt, auch das amerikanische, viele sozialistische Merkmale aufweisen, was auch der Grund ist, warum überall auf der Welt Unzufriedenheit mit den Systemen herrscht.

      Übrigens, die Idee, man könne im System Geld sparen, indem man den Verwaltungsapparat reduziert, käme gerade bei den staatlichen Systemen gut zum Tragen. Insbesondere die deutsche GKV und das britische NHS zeichnen sich durch völlig aufgeblähte Verwaltungen aus. Der Staat, und alle die sich einer quasi-staatlichen Position befinden, können nunmal nicht effizient arbeiten.

  4. Oder um es auch in simplen Worten zu fassen,
    Stell dir vor du hast eine chronische ev. genetisch bedingte Krankheit (Diabetis, MS, Krebs oder …HIV) du verlierst deinen Job (weil zu lange Krank geschrieben) bekommst H-IV und darfst dann nach einer neuen PKV suchen (weil die alte dich wegen Beitragsrückständen oder anderen vorgeschobenen Gründen gekündigt hat)
    VIEL SPASS!

    Aber komm dann nicht an heulen und verlange Aufnahme in die Solidargemeinschaft der GKV

    PKVs sind alles nur eins nicht, Solidargemeischaften und selbst einige GKVs handeln so schon und versuchen teure Patienten loszuwerden. Ich spreche da aus Erfahrung mit der TK!

    Die AOK war hingegen lange Zeit gesetzlich gezwungen JEDEN aufzunehmen der an der Tür klopft.

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