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Die Niederlande

Immerwieder wird die Niederlande als Vorbild für Arbeitsmarktpolitik zitiert. Das ist völliger Unsinn. Die Niederlande hat die höchste Quote an Teilzeitjobs in der ganzen Welt. Was ist daran vorbildlich? Wie ich schon häufiger argumentiert habe, schafft der Staat mit einer solchen Politik eine Zweiklassengesellschaft. Ja, der Staat verursacht diese Menge an Teilzeitjobs! Teilzeitjobs entstehen, wenn der Staat (und damit natürlich die Wähler) sich weigert, bei Vollzeitjobs den Kündigungsschutz zu lockern oder die Lohnnebenkosten zu senken. Dann schafft er den Markt für Teilzeitjobs, damit das Heer an Arbeitslosen nicht zu gross wird (könnte ja revolutionäres Potential haben).

Derzeit haben sagenhafte 44% aller arbeitenden Niederländer nur einen Teilzeitjob. Frauen arbeiten zu 80% in Teilzeitjobs. Das wird vom “Haus der Niederlande” dargestellt als frauenfreundliche Politik, damit sie eben auch zuhause für die Familie da sein können. Für mich klingt das eher nach einer mittelalterlichen Auffassung davon, was Frauen für eine Rolle in der Gesellschaft haben. Aus volkswirtschaftlicher Sicht bedeutet eine Verschiebung in Richtung Teilzeitarbeit natürlich weniger insgesamt in der Wirtschaft geleistete Arbeit.

Weniger geleistete Arbeit = weniger Wohlstand

Überhaupt kann man seit den 1970er Jahren einen stetigen Trend zu immer weniger geleisteter Arbeit in Europa erkennen. Bis in die frühen 90er Jahre äusserte sich dies durch steigende Arbeitslosigkeit. Danach stabilisierte sich die Arbeitslosigkeit auf hohem Niveau oder sank sogar, wie z.B. in der Niederlande, Spanien und auch Deutschland. Aber in all diesen Ländern wurde dies erzielt durch eine Förderung von Teilzeitarbeit. Der Wirtschaftssektor Teilzeitarbeit funktioniert dabei häufig wie eine Miniaturausführung eines idealtypischen liberalen Arbeitsmarktes: es gibt keine Sozialversicherungsbeiträge zu zahlen, der Kündigungsschutz ist aufgeweicht oder nicht existent und die Arbeiter sind nicht gewerkschaftlich organisiert.

Berücksichtigt man nun, dass durch den Trend zur Teilzeitarbeit seit den 90er Jahren das Arbeitsvolumen in der Wirtschaft weiter gesunken ist, stellt man fest, dass der Abwärtstrend in geleisteten Arbeitsstunden immernoch nicht gestoppt wurde. Warum aber wird immer weniger Arbeit im “alten Europa” nachgefragt? Die Arbeitsnachfrage richtet sich nach der Produktivität und den Absatzchancen für die hergestellten Waren und Dienstleistungen. Beides sieht schlecht aus in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, und eben wohl auch in den Niederlanden.

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5 comments on “Die Niederlande

  1. Und wie erklärst du das US-Amerikaner (die mit dem liberalsten Arbeitsrecht) meist 2-3 Jobs brauchen um überhaupt über die Runden zu kommen?
    Also bei einem nicht-existenten Kündigungsschutz (2-weeks notice) und nicht-existenten Lohnnebenkosten.

  2. Und wie erklärst du das viele US-Amerikaner 2-3 Jobs brauchen um überhaupt über die Runden zu kommen?
    Keinen Kündigungsschutz und nicht-existente Lohnnebenkosten.

    Außerdem ist jede Lohnnebenkostensenkung bislang eine faktische Netto-Lohnkürzung gewesen (irgendjemand muss ja zahlen und sei es durch KV-Zusatzbeiträgen die nur der Arbeitnehmer tragen darf!)
    http://www.michael-hess.net/japan-blog

    • Eine Lohnnebenkostensenkung muss überhaupt nicht zu Nettolohnkürzungen führen. Was sind denn Lohnnebenkosten? Sie bestehen aus den Beiträgen zur Rente, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung. All diese Sachen werden in Deutschland bis dato relativ unsozial und ineffizient finanziert. Ineffizient, weil das Rentensystem durch das Umlageverfahren negative Renditen abwirft und das Gesundheitssystem ein katastrophal verwirrter Haufen von Reglementen ohne Kostenbremse ist. Unsozial, weil man bereits bei niedrigen Einkünften die vollen 40% auf den Bruttolohn zahlen muss (inklusive Arbeitnehmerbeitrag, der ökonomisch gesehen ohnehin identisch mit dem Arbeitnehmerbeitrag ist).

      Wenn man dann noch den Verlust von ALG I/II bei Arbeitsantritt und die Einkommensteuer berücksichtigt, kann Grenzsteuersatz bereits bei €1.000 Monatseinkommen irgendwo zwischen 60 und 100% liegen! Es genügt sich ein paar andere Länder anzusehen, um zu merken, dass man die Sozialversicherungen auch auf sozialere Weise, z.B. durch Einkommensteuern finanzieren kann.

      Was die 2-3 Jobs betrifft: Auch in den USA ist der Arbeitsmarkt bei weitem nicht völlig unreguliert. Es gibt Mindestlöhne und einen gesetzlich vorgeschriebenen Überstundenaufschlag von 50% des Bruttolohnes. Die gesetzlich vorgeschriebene maximale regulär bezahlte Wochenarbeitszeit beträgt 40 Stunden. Durch diese Regulierungen werden bereits bestehende Vollzeitjobs geschützt und andere Arbeitskräfte in die Teilzeitarbeit verjagt. Daher arbeiten in den USA immerhin ca. 15% der Erwerbstätigen Teilzeit. Dass diese Leute dann mehrere Jobs brauchen, dürfte nicht überraschen.

      An der Unsinnigkeit, Teilzeitjobs auf Kosten von Vollzeitjobs zu subventionieren, ändert sich dadurch nix. Wo von sollen denn die Menschen leben, wenn wir erstmal zu einer Teilzeitgesellschaft verkommen sind?

  3. Sorry ich habe es selbst am eigenen Leib erlebt das jede Lohnnebenkostensenkung zur einer Gehaltskürzung führte.
    Wenn mein Brutto-Lohn gleich bleibt und ich dann einen Krankenkassen Zuschuss zahlen muss, ist das eine Lohnkürzung.
    Wenn die Mehrwertsteuer angehoben wird um XYZ zu bezahlen und dabei der Lohn konstant bleibt, ist auch dies eine Lohnsenkung.
    Denn für die 3% die ich für die Steuer mehr ausgeben muss kann ich ja nun mal nix anderes mir leisten.

    Der Rest ist Wirtschaftswissenschafliche Augenwischerei und Verdummung der Massen.

    Nur weil es nicht direkt vom Lohn abgezogen wird heißt es nicht das ich wirklich mehr in der Tasche habe.
    Wenn jetzt alle gezwungen werden sich nebenbei privat abzusichern und gleichzeitig wissen das sie von der staatlichen Rente nix bekommen so werde ich effektiv massiv bestraft in dem ich 30-40% meines Gehaltes für die Altersvorsorge ausgebe, aber 20% Verlust von vornherein habe, nämlich die 20% meines Gehaltes die immer noch in die Rentenkasse fließen.
    Und solange nicht meine private Vorsorge (die anderen 10-20% meines Gehaltes) utopische über 23% Rendite erwirtschaftet (bei 3% Inflation) werde ich mit 65 immer noch einen Nettoverlust haben.

    • “Wenn jetzt alle gezwungen werden sich nebenbei privat abzusichern und gleichzeitig wissen das sie von der staatlichen Rente nix bekommen so werde ich effektiv massiv bestraft in dem ich 30-40% meines Gehaltes für die Altersvorsorge ausgebe, aber 20% Verlust von vornherein habe, nämlich die 20% meines Gehaltes die immer noch in die Rentenkasse fließen.”

      Absolut korrekt! So habe ich ja bereits in verschiedenen Posts zum Thema Rente argumentiert. Damit gibst Du Dir auch selbst die Antwort auf Deine Frage: Eine Lohnnebenkostensenkung heisst natürlich, dass tendeziell die Verantwortung zur Finanzierung der Krankenversicherung und der Rente vom Staat auf die Individuen übergeht. Dies ist sinnvoll, weil, wie Du ja festgestellt hast, der Staat mit Deinem Geld weit weniger sinnvoll und verantwortlich umgeht, als Du selbst! Warum sollte er auch, ist ja nicht sein Geld 😉

      Es geht also um Effizienzsteigerungen. Wenn die private Finanzierung der Rente oder der Gesundheit mit weniger Geld dasselbe wie der Staat erreichen kann, dann ist der Nettolohn durch die Lohnebenkostensenkungen gestiegen. Versetze Dich mal in die Sichtweise des Unternehmers: Für ihn kostet die Arbeitskraft: Bruttolohn + Arbeitgeberanteil Sozialversicherungen. Wie die Lohnkosten zwischen diesen beiden Faktoren aufgeteilt sind, interessiert ihn überhaupt nicht. Da der gesamte Lohn (inklusive des Arbeitgeberanteils), sozusagen der “Superbruttolohn”, das Ergebnis eines mehr oder weniger freien Arbeitsmarktes ist, wird er sich nicht ändern, wenn der Arbeitnehmer demnächst seine Rente privat sparen muss und dafür die Rentenversicherungsbeiträge wegfallen. Das heisst, dass der Nettolohn steigen wird. Wenn das Individuum seine Rente mit weniger Ersparnissen als der Staat zusammensparen kann, dann wird der Nettolohn stärker gestiegen sein, als die zusätzliche Belastung durch das private Rentensparen.

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