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Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Die Euro-Mitgliedsstaaten haben durch das Rettungspaket mit €500 Milliarden Kredithilfen das für ganz Europa drohende Schuldendesaster bloss auf 2011 verschoben. Neben Griechenland werden Portugal und Irland mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Kredithilfen noch dieses Jahr in Anspruch nehmen müssen. Der starke Anstieg der Zinsen auf ihre Staatsanleihen deutet an, dass die Gläubiger dieser Staaten die Geduld verloren haben. Die Defizite sind riesig und die Wirtschaft wird vermutlich für einige Zeit nicht wachsen. Dabei wäre Wirtschaftswachstum der beste Weg, Schuldenberge in den Griff zu bekommen, da sie dann im Verhältnis zum steigenden Bruttoinlandsprodukt einfach kleiner werden, selbst wenn sie nominal nicht sinken.

Die Kredithilfen an Griechenland, Portugal und Irland werden Deutschland und andere “Geberländer” wie Frankreich, die Niederlande, Belgien, Österreich oder Finnland circa 1% ihres BIP pro Jahr kosten. Für Deutschland macht das €25 Milliarden pro Jahr. Das bedeutet, dass die jüngst beschlossenen Sparmassnahmen der Regierung Merkel nicht mal reichen werden, um den drohenden Anstieg des Haushaltsdefizits auszugleichen.

Doch was passiert, wenn auch Spanien auf Hilfen angewiesen ist? Spanien leidet ebenfalls unter steigenden Zinsen. Zurzeit jedoch kann die EZB die Zinsen durch gezielte Käufe auf dem sogenannten Sekundarmarkt stabilisieren (nicht senken, wohlgemerkt!). Auf dem Primärmarkt darf die EZB nicht tätig sein, denn das würde bedeuten, Schulden direkt vom Staat zu kaufen, was laut ihrer Satzung verboten ist. Somit kann sie nur Schulden aufkaufen, die bereits von jemandem gekauft wurden, z.B. von Banken. Die werden natürlich zuerst die Anleihen abstossen, die die längste Restlaufzeit haben, um ihr Anlagerisiko zu reduzieren. Da die EZB es vorsichtshalber nicht wagt, das wahre Ausmass ihrer Interventionen bekannt zu geben, kann man nur rätseln, wie lange es dauern wird, bis sie nahezu alle portugiesische, spanische, griechische und irische Anleihen auf dem Sekundarmarkt gekauft hat. Da es sich insgesamt um circa €1350 Milliarden handelt und Gerüchten zufolge die EZB bereits zweistellige Milliardensummen pro Woche kauft, wird sie wohl bis Anfang 2011 alles gekauft haben was geht.

Danach würde der gesamte Finanzierungsbedarf der PIGS-Staaten (nur ein “I”, weil ich Italien nicht dazurechne) auf Länder wie Deutschland abgewälzt werden. Das Rettungspaket sieht derzeit (und das ist eine konservative Rechnung) €500 Milliarden für drei Jahre vor. Das würde Deutschland bei voller Beanspruchung der Hilfen, wie es im Falle einer de-facto-Pleite Spaniens der Fall wäre, circa €40 Milliarden pro Jahr kosten. Das Haushaltsdefizit würde damit von derzeit 5% auf 7% vom BIP steigen und somit genauso hoch liegen wie in Portugal.

Aber betrachten wir mal das Schuldenproblem Europas etwas abstrakter: Die Zinsen auf Staatsschulden steigen, weil die Länder einfach viel zu viele Schulden auf einmal auf den Markt schmeissen und die Anleger nicht soviel kaufen können/wollen. Zunächst bekommen das die schwächeren Länder wie Griechenland, die ohnehin schon risikobehaftet waren, zu spüren. Die Anleger flüchten aus deren Staatsanleihen. Wie ich schonmal früher geschrieben habe, beläuft sich der Finanzierungsbedarf der Euro-Staaten 2010 auf circa €1000 Milliarden. Die gesamte im Umlauf befindliche Schuldenmenge der Eurostaaten beläuft sich wahrscheinlich auf über €8000 Milliarden. Die EZB kann, wie gesagt, dieses Jahr durch ihre Notkäufe diese Menge um €1350 Milliarden reduzieren. Ab 2011 ist dann wieder alles wie vor Beginn der EZB-Schuldenkäufe: Die Märkte werden überflutet mit €1000 Milliarden neuen Schulden. Die Zinsen auf die paar im privaten Besitz verbliebenen Anleihen von PIGS-Staaten werden auf über 10% steigen und dort bleiben, so dass diese Länder noch lange am Tropf der anderen Eurostaaten hängen bleiben müssen. Somit wird auch in bisher verschonten Ländern wie Frankreich und Deutschland die Notwendigkeit massiver Reformen und Ausgabensenkungen dramatisch zunehmen, falls man 2012 noch Lust hat, die PIGS-Länder weiter durchzufüttern.

Aber wie so oft gibt es ein noch schlimmeres Szenario: Was wäre, wenn Italien Finanzhilfen bräuchte? Italiens Finanzierungsbedarf pro Jahr beläuft sich auf circa €350 Milliarden. Es ist wohl offensichtlich, dass sich dies die anderen Eurostaaten niemals leisten könnten, da ja in diesem Fall Italien als “Geberland” ausfiele. Deutschland müsste dann wahrscheinlich über €100 Milliarden pro Jahr zusätzlich zu den €40 Milliarden für die PIGS-Staaten übernehmen. Das derzeitige deutsche Defizit beträgt zufälligerweise schon €100 Milliarden…

Was bleibt also als Handlungsoption übrig? Wenn sich die Politiker (und Wähler) wie erwachsene, verantwortungsbewusste Menschen verhielten könnte man endlich denjenigen die Schulden zukommen lassen, denen sie gehören: den europäischen Banken. Die PIGS-Staaten könnte man pleite gehen lassen, wodurch gewisse  Banken in Deutschland oder Frankreich ebenfalls pleite gingen. Damit bestraften wir natürlich auch die Bürger Europas, die ihr Geld bei einer betroffenen Bank deponiert haben, die aber auch in den letzten Jahrzehnten diese Schulden als Konsumenten mit angehäuft haben. Damit könnte man endlich mal (wenigstens teilweise) diejenigen bestrafen, die uns diese Suppe eingebrockt haben, anstatt die Schulden auf kommende Generationen abzuwälzen, die noch garnicht geboren wurden. Allerdings müsste man eine deftige Rezession in ganz Europa durchmachen, die sicherlich deutlich stärker wäre, als was wir 2008/09 erlebt haben. Zu solch einer Entscheidung gehört Mumm.

Oder man wählt die unerwachsene, kindische Lösung und inflationiert die Schulden einfach weg. Frei nach dem Motto “was kümmern mich die Schulden von Gestern”? Ein paar Jahre mit Inflationsraten über 100% sollten wohl genügen. Argentinien kann ein Lied davon singen.

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