Leave a comment

Krise 2.0

Nun ist sie da, die nächste Krise. Gerade einmal drei Jahre nach der letzten grossen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Anzeichen sind klar: sowohl Wachstums- als auch Inflationserwartungen kollabieren, wie man unter anderem an den Staatsanleihen von Ländern sehen kann, die (noch) als sicher gelten (z.B. USA, Deutschland).

Niedrigeres (nominales) Wachstum gleich niedrigere (nominale) Zinsen. Es ist eigentlich keine Raketenwissenschaft, und doch tun sich so viele Leute schwer mit dieser Feststellung und behaupten weiterhin ganz im Sinne der EZB, dass die niedrigen Zinsen ein Zeichen zu lockerer Geldpolitik seien. Deshalb sei Inflation nachwievor das eigentliche Problem. Dabei ist offensichtlich die gegenwärtige Inflationsrate schon Anfang des Jahres verursacht worden. Zurzeit “schleppen” wir nur noch die statistischen Reste mit uns herum. Auch andere Risikoindikatoren sind mittlerweile vergleichbar mit ihren Ständen vom Herbst 2008 (siehe z.B. Prämien von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, HT@Kantoos). Offenbar haben auch Aktienanalysten bereits eine Rezession auf ihren Radars (siehe @Simon Ward). Kein Wunder, erleben doch Bankaktien derzeit ein Massaker, welches schon mit Herbst 2008 vergleichbar ist.

Bleibt nun die Frage, was uns erwartet und was man noch durch beherzte Aktionen bewirken könnte. Will man wissen, wie stark ein Abschwung werden kann, muss man sich überlegen, welchen Trend das Wachstum einschlagen könnte. In den letzten zwei Jahren hat sich ausser höheren Ölpreisen nicht so viel geändert, dass man nun ein noch schwächeres Trendwachstum als ohnehin schon erwarten müsste. Da die Erholung seit 2009 relativ schwach ausfiel, sind wir heute bereits deutlich unterhalb des möglichen langfristigen Trends. Nichtsdestotrotz könnte eine erneute Bankenkrise grosse Schäden anrichten. Dies hängt natürlich davon ab, wie die politischen Reaktionen darauf ausfallen. Sollte es trotz der hohen Staatsschulden zu erneuten Rettungsmassnahmen kommen, dürfte eine Krise heftig aber kurz bleiben, ähnlich wie 2008/09. Sollten jedoch die politischen Eliten einen Meinungswandel vollziehen und unerwarteterweise angeschlagene Banken in die Insolvenz abgleiten lassen, könnte es zu massiven Störungen der Finanzmärkte und einer Finanzierungskrise der “Realwirtschaft” kommen. Es würde sich eben zeigen, dass die Finanzmärkte sehr wohl auch “real” sind.

Das entscheidende Wort hierbei ist “unerwartet”. Plötzliche Veränderungen richten immer dann grossen Schaden an, wenn sie nicht erwartet werden. Leider hat die Politik der letzten Jahre kein bisschen Sicherheit oder Stabilität gebracht und es ist genau diese Unsicherheit, das ständige Hin und Her, das die Märkte verunsichert und das schlussendlich, im Falle einer “Enttäuschung” durch die Politik, zu massiven Readjustierungen führen könnte. Aufgrund der Rigiditäten einer Volkswirtschaft (starre Löhne, Menschen können nicht sofort andere Jobs erlernen, etc.) würden solche Readjustierungen zu Massenarbeitslosigkeit und schwerer Rezession führen, siehe Griechenland.

Der Euro per se als Währung spielt hierbei nur eine untergeordnete Rolle. Das Auseinanderbrechen der Eurozone könnte allerdings in einem Worst-Case-Szenario das Resultat einer Politik sein, die, nachdem sie zu viele Fehler beging, nach radikalen und schnellen (vermeintlichen) Lösungen sucht. In Wirklichkeit geht es natürlich nur um die Frage, wer wie die Kosten tragen soll. Durch einen Austritt würde sich einem Land die Option Inflation und Abwertung eröffnen. Mit anderen Worten: Man würde die Kosten der Krise auf andere Länder und (mehr oder weniger) vermögende Inländer abwälzen, die es nicht rechtzeitig schaffen, ihr Geld ausser Landes zu schaffen. Für die ganz wohlhabenden mit Konten auf den Cayman Islands ist das kein grosses Problem, sehr wohl aber für gewöhnliche Leute aus der Mittelschicht.

Aber lässt sich das Worst-Case-Szenario überhaupt verhindern? Die Wurzel des Problems war und ist ein angeschlagenes Bankensystem nach der Krise von 2008/09. Erst dadurch wurde aus der Staatsfinanzkrise Griechenlands ein Problem für ganz Europa. Eine Stärkung der Banken durch staatliche Eigenkapitalzuschüsse (sprich: Staatsbeteiligung nach Vorbild Schwedens der 1990er Jahre) und eine rapide Insolvenz Griechenlands, Portugals und Irlands könnten auf einen Schlag Klarheit schaffen und würden die zerstörerische Unsicherheit beseitigen. Kritiker werden bemängeln, dass dieser Weg schon 2008 gewählt wurde und zu der heute so maladen Lage geführt hat. Dies ist im Falle Irlands offensichtlich; dort waren die Banken einfach zu gross, um vom irischen Staat allein gerettet zu werden. Dies und die langfristigen Folgen (Stichwort “Moral Hazard”) sind jedoch (durch Anpassungen und Regulierungen) lösbare Probleme verglichen mit dem nächsten Beispiel.

Eine zweite Möglichkeit wäre, den bereits vorgezeichneten Weg zur “Fiskalunion” weiterzugehen. Nur eine komplette Solidarisierung aller europäischen Schulden (nicht nur der ausstehenden, auch der von jetzt an neu emittierten) könnte die Märkte beruhigen und die Probleme (zumindest fürs Erste) beseitigen. Kritiker werden zurecht auf die langfristigen Probleme hinweisen. Schliesslich wissen wir, dass bis jetzt doch jedes föderal organisierte Land Schuldenprobleme mit einer Solidarisierung nur verschlimmert hat. Deutschland und die USA sind beste Beispiele dafür, dass selbst bei relativ homogenen Nationalstaaten der Länderfinanzausgleich dazu geführt hat, dass viele Länder chronisch pleite sind, weil es schwierig ist, sie zu Reformen zu zwingen, ohne dabei das existierende Rechts- und Staatsverständnis auszuhebeln. Auf europäischer Ebene dürfte sich dies noch weit schwieriger gestalten.

Ist also das Worst-Case-Szenario vielleicht sogar eine wählbare Alternative? Immerhin ergibt Zerstörung auch immer eine Chance auf einen Neuanfang. Problematisch ist allerdings, dass durch die 2010 begonnene künstliche Eskalierung der Schuldenkrise zu einer “Eurokrise” tatsächlich die gesamte Existenz der Währungs- und Wirtschaftsunion in Frage gestellt wird. Dies ist eigentlich ein reines Politikum, so wie ich es bereits vor über einem Jahr prophezeit habe. Es gibt immer noch Möglichkeiten, die Krise auf vernünftige Wege in den Griff zu bekommen, aber dazu braucht es nun zwei Dinge: politischen Mut und Eingeständnisse des bisherigen Versagens. Dies sind leider nicht unbedingt Eigenschaften, mit denen wir in der letzten Zeit von unseren Politikern verwöhnt wurden.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: