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Die EZB versagt

Die EZB-Geldpolitik ist zuwenig inflationär. Deshalb rutschen die durch Schuldenberge belasteten Euroländer wieder in eine Rezession, die einige dieser Länder vermutlich früher oder später in die Pleite treiben wird.

Man darf nicht vergessen, dass die EZB sich bei ihren geldpolitischen Entscheidungen an der wirtschaftlichen Lage der gesamten Eurozone orientieren muss. Wie sieht es dort aus? Hier die Arbeitslosenstatistik:

Man sieht, dass eine “Erholung” von der Krise 2008/09 nicht erkennbar ist. Sicher, Länder wie Spanien und Griechenland sind besonders extreme Beispiele für steigende Arbeitslosenraten, aber auch z.B. in Frankreich und Italien hat in den letzten drei Jahren keine nennenswerte Erholung stattgefunden.

Naturgemäss spiegelt der Arbeitsmarkt die gesamtwirtschaftliche Leistungsfähigkeit wieder. Die Wachstumszahlen (Bruttoinlandsprodukt) zeigen daher ein ähnliches Bild:

Angesichts des enormen Einbruchs der Wirtschaftsleistung 2008 und 2009 ist die Erholung 2010 und 2011 extrem mager ausgefallen. Zu beachten ist auch, dass das nominale Wachstum der Wirtschaftsleistung (also inklusive Inflation) bis jetzt zu keinem Zeitpunkt in der “Erholungsphase” den ehemaligen Durchschnitt erreicht hat. Dies ist von entscheidender Bedeutung für die Schuldenkrise, da Schuldverträge üblicherweise in nominalen Beträgen (also nicht um Inflation bereinigt) festgelegt werden. Als die Bürger und Firmen Hypotheken oder Bankkredite in den Jahren 2003-08 abschlossen, erwarteten sie natürlich, mangels besserer Informationen über die Zukunft, dass die damaligen Wachstumsraten sich noch lange so fortsetzen würden. Jetzt aber werden sie negativ überrascht und haben es somit umso schwerer, ihren alten Verpflichtungen nachzukommen. Es wird also plötzlich auf die Ausgabenbremse getreten.

Noch deutlicher wird dieses Problem in folgenden Darstellungen der absoluten Werte der jährlichen Wirtschaftsleistung (100 ist hier der gewählte, nicht aussagekräftige, Startwert für das Jahr 1995. Er dient nur zur relativen Orientierung):

Besonders die nominale Summe der jährlichen Wirtschaftsleistung, also das, was den Haushalten zum konsumieren und sparen zur Verfügung steht, verharrt weit unter dem vom alten Trend vorgebenen Niveau, und das, obwohl die gezeigte Trendlinie bereits Zahlen der letzten drei Jahre einrechnet, also eigentlich zu tief ist. Die Tendenz ist sogar, sich noch weiter von dem alten Trend zu entfernen. Dies hat tagtäglich massive Auswirkungen auf das Konsum- und Sparverhalten der Bürger in Spanien, Italien, Frankreich und anderen Ländern. Sie haben mit einer solchen Entwicklung sicher nicht gerechnet (nicht rechnen können).

Nun mag man behaupten können, dass ein unerwarteter Einbruch des realen Wirtschaftswachstums etwas sei, mit dem man einfach leben müsse. Das ist sicher soweit korrekt, wie es nicht Aufgabe irgendeiner Behörde sein kann, das reale Wirtschaftswachstum zu steuern (zumindest nicht, solange man an eine freiheitliche Wirtschaftsordnung als oberstes Ziel glaubt). Das Problem ist nun aber, dass die EZB das reale Problem sozusagen noch nominal verschärft, weil sie es 2009 versäumte, eine adäquäte Inflation “zu liefern” und sie dieses “Versagen” seitdem nicht nur nicht wettgemacht hat, sondern auch noch dauerhaft unter dem bis 2008 üblichen Inflationsniveau bleibt, wie diese Darstellung des “Deflators” zeigt:

Beim Deflator handelt es sich um nichts anderes als den Inflationswert, der für die Berechnung der Bruttoinlandsprodukt-Statistiken verwendet wird. Er unterscheidet sich von den in den Medien zitierten Konsumentenpreisindizes (KPI) hauptsächlich dadurch, dass er sich an allen Waren und Dienstleistungen orientiert, die in einem Jahr hergestellt werden (inklusive Industrie und Handel). Der KPI hingegen stellt einen Warenkorb dar, der von einem durchschnittlichen Haushalt konsumiert wird.

Durch die EZB-Politik fallen letztlich die Löhne und Gehälter in den Eurostaaten immer weiter hinter dem alten Trend (inklusive Inflation) zurück, was das Abbezahlen alter Schulden erschwert. Angesichts der hanebüchenen Aktionen der EU-Politiker zur “Eindämmung” der Schuldenkrise wie z.B. eine Übertragung der schon auf Bundesländerebene (in so gut wie jedem Land) gescheiterten “Fiskalunion” auf europäische Ebene, ist die EZB-Politik höchst bedauerlich, da sie mit ihrem Versagen den Eindruck erwecken, dass wir nun noch mehr Notaktionen der Regierungen bräuchten. Es wäre besser, wenn die EZB sich wenigstens an die Politik halten könnten, die wir fast 10 Jahre lang von ihr gewohnt waren, bevor sie anfing, ausgerechnet die grösste Finanz- und Schuldenkrise der letzten 50 Jahre als “idealen” Zeitpunkt zu wählen, um auf ein Mal eine niedrigere Inflation als früher üblich zu erreichen. Es gibt in der ökonomischen Fachliteratur genügend Beispiele dafür, wie eine solche Geldpolitik reale Probleme verschärfen kann: USA 1982 und Japan in den 1990ern sind zwei sehr prominente Beispiele.

Doch obwohl Leute wie Ben Bernanke damals kritisierten, dass die japanische Zentralbank viel mehr hätte machen können, machen sie heute die gleichen Fehler wie damals. Die Zinsen auf Staatsanleihen und Geldmarktpapiere von Ländern, die noch nicht von Schuldenkrisen betroffen sind, zeigen, dass Inflation in den derzeitigen Erwartungen der Leute keine Rolle spielen. Im Gegenteil, die Zinsen haben sich “japanisiert” und sind teilweise schon negativ. Wenn die Erwartungen der Märkte sich bewahrheiten und wir dieses Jahr einen massiven Absturz in der Inflationsrate und im realen Wachstum erleben sollten, dann wäre es wieder einmal zu spät für die EZB. Dann würde die Schuldenkrise ein für alle Mal eskalieren. Oder werden sie doch noch aufwachen und das NBIP als geldpolitisches Ziel setzen? Und selbst dann: würden sie versprechen, die Verfehlungen von 2008-2011 wettzumachen? Oder lässt man die Lücke zum alten Trend bestehen? Dann würde auch eine solche Massnahme verpuffen. Es würde sich dann nur die Frage stellen, warum man auf einmal so deflationär handelt?

Über die Grosse Depression der 1930er Jahre wird immer wieder gesagt, man könne aus heutiger Sicht einfach nicht nachvollziehen, warum ausgerechnet in der damaligen schwierigen Lage die Zentralbanken und Politiker so dermassen konservativ und anti-inflationär waren. Vielleicht können wir es verstehen, wenn wir die Geschichte zweimal durchgemacht haben?

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