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Negative Zinsen

Ein spannendes Thema der letzten Tage war, warum Investoren bei deutschen Staatsanleihenauktionen negative Zinsen akzeptieren. Schliesslich könne man doch genauso gut sein Vermögen in Cash (unverzinst) auf dem Bankkonto halten, oder?

Auch bei dieser Diskussion stellt man wieder interessante Unterschiede in der Argumentation verschiedener Leute fest. Es gibt Leute, die sich sehr gut mit Details des Finanzwesens auskennen, normalerweise weil sie dort gearbeitet haben. Sie sehen sozusagen den Wald vor lauter Bäumen nicht und erklären sich die negativen Zinsen mit nicht-ökonomischen Faktoren wie Bilanzbeschönigung zum Jahresabschluss, obwohl man stark sinkende Zinsen schon seit Monaten beobachten kann und es sich demnach nicht um ein kurzfristiges Phänomen handeln kann.

Andere betrachten das Thema allzu abstrakt (ich würde sagen: keynesianisch) und denken, dass es doch immer die Möglichkeit gäbe, etwas auf dem Girokonto, also in Cash zu parken. Sie bedenken nicht, dass Cash auch nur begrenzt vorhanden ist, denn die Notenbanken “drucken” ja nur ein begrenzte Menge davon.

Die korrekte Frage wäre, warum einige Staatsanleihen niedrigere Zinsen aufweisen als Cash-Konten. Denn sie gelten ja als nächstliegendes Cash-Equivalent. Und wenn es wirklich einen Mangel an Cash gäbe, dann müssten doch auch Geldmarktsätze und Girozinsen negativ werden, oder? Eben nicht. Regulierungen der Aufsichtsbehörden zwingen die grossen, sogenannten “institutionellen” Investoren, gewisse Mengen an “sicheren” Anlagen zu halten. Ferner können grosse Institutionen sinnvollerweise ihre riesigen Vermögen nur bei einer Zentralbank in Cash parken, nicht zuletzt wohl auch wegen der Angst, dass bei Geschäftsbanken das Cashvermögen vernichtet wäre, wenn es zu einer Insolvenz käme.

Letztlich ein weiterer Grund für den Unterschied Cash zu Staatsanleihen: Die Investoren benötigen Kredite, um zu überleben. Diese aber sind zurzeit eher schwer zu bekommen, da die Banken und Versicherungen ausgerechnet in dieser wirtschaftlichen schwierigen Lage mit potenziell riesigen Verlustabschreibern auch noch gezwungen werden, ihre Kapitalpuffer aufzubauen, um die neuen Regeln einzuhalten. Alle bleiben auf ihrem Vermögen hocken und versuchen, den “sicheren” Anteil ihrer Bilanz, also Staatsanleihen, zu vergrössern. Die einzig verbliebene Möglichkeit für viele Institutionen, an Kredite heranzukommen, ist somit der Gang zu den Zentralbanken. Die aber verleihen Kredite nur gegen Vorlage von hochwertigen Sicherheiten, also Staatsanleihen.

Wenn man alles zusammen nimmt, ergibt sich somit folgendes Bild: Investoren versuchen wie verrückt, an hochwertige Staatsanleihen heranzukommen (die logischerweise zunehmend knapp werden), während gleichzeitig der Geldmarkt und die Girozinsen der Geschäftsbanken von diesem Thema praktisch unberührt bleiben. Im Gegenteil, das steigende Misstrauen zwischen den Banken und die Jagd nach bilanzaufbessernden Vermögen führt eher zu steigenden Zinsen in diesen Bereichen, siehe auch gewisse Banken, die auf kurzfristige Tagesgeldkonten 4,5% Zinsen anbieten, was zuletzt 2008 üblich war, als der EZB-Zins noch bei 4,25% lag. Heute liegt er aber bei 1%!

Aus der Sicht Deutschlands ist interessant, dass die Investoren zurzeit es gerne hätten, wenn Deutschland deutlich mehr Schulden machen würde! Jedoch ist klar, dass Deutschlands Haushalt auch nicht in astreinem Zustand ist. Würde Deutschland einen portugiesischen Weg in der Haushaltspolitik einschlagen, würden die Investoren wahrscheinlich nach wenigen Jahren auch deutsche Anleihen wie stickende Socken behandeln. Wie schnell sich die Einschätzung durch Investoren ändern kann, haben wir ja schon bei Griechenland gesehen. Deren Staatsanleihen galten ja noch vor drei Jahren als relativ gutes Investment.

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